Mein Praktikum in einem Kindergarten in Schweden

Vom ersten Tag an habe ich das Gefühl der Sprachlosigkeit erfahren. Anfangs habe ich versucht, mit meinen begrenzten Schwedischkenntnissen Kontakt zu den Kindern aufzunehmen, zum Beispiel indem ich mich vorgestellt habe. Sehr schnell haben die Kinder mir daraufhin Fragen gestellt, die ich nicht verstanden habe, womit ich mich überfordert gefühlt habe. Schnell habe ich folgende Lösungswege erdacht, die ich in den folgenden drei Wochen weiterentwickelt habe:

  • einige wichtige Sätze auswendig lernen: „Ich verstehe dich nicht, zeig mir das“, „Warte“, „Du kannst das selbst / Kannst du das selbst / Willst du das machen“, „Frag Anne“
  • mich trauen, Wörter zu gebrauchen: Ich habe gelernt, einfach drauflos zu sprechen, obwohl ich die konjugierte Form oder den Plural o. ä. eines Wortes nicht kenne; den Kindern war das in der Regel egal, solange sie mich verstanden haben
  • mit Händen und Füßen sprechen: Einzelne Worte mit Gesten unterstreichen, z. B. kannte ich das Wort für „Schuh“ und habe dazu eine Anzieh-Bewegung gemacht
  • gänzlich ohne Sprache kommunizieren: In vielen Situationen hat ein Lächeln, eine Handbewegung, ein Nicken oder Zeigen ausgereicht, um mit den Kindern zu kommunizieren. Besonders ist mir das aufgefallen im Kontakt zu einem vierjährigen Kind, das selbst ebenfalls kein Schwedisch sprechen konnte

Konkrete Situation: An meinem dritten Arbeitstag habe ich mithilfe des Satzes „Wie heißt das auf Schwedisch“ die Namen vieler Gegenstände, Tiere, Körperteile etc. erfragt. Dazu habe ich die jeweiligen Begriffe aufgemalt und die Worte so daneben geschrieben, wie ich sie von den Kindern verstanden habe. Schnell haben die Kinder begonnen, eigene Vorschläge für Begriffe zu machen. Das hat auch dazu beigetragen, dass sie verstanden haben, dass ich eine andere Sprache spreche als sie und sie häufig nicht verstehe. Auch für die anfängliche Kontaktaufnahme war das sehr hilfreich. Auf diese Weise ist ein buntes Wörterbuch entstanden, in dem ich die wichtigsten Worte im Alltag der Kinder über mein gesamtes Praktikum hinweg immer wieder nachschlagen konnte. Das hat dazu geführt, dass ich auch komplexere Sätze der Kinder immer besser verstanden habe, da ich einzelne Worte herausgehört und in Zusammenhang gebracht habe

Viele Arbeitsweisen der Einrichtung haben mich beeindruckt. Die Maria Park Förskola arbeitet nach dem Reggio-Konzept, was sich in der Raumgestaltung, Gestaltung des Zeitrhythmus und im Bild des Kindes gezeigt hat. Ich habe viel beobachtet und einiges mit Bildern festgehalten, zum Beispiel das Material und vor allem wie dieses den Kindern präsentiert wird. Konkretes Beispiel: Es war mir wichtig, zu fotografieren, dass alle Bügelperlen nach Farbe sortiert untergebracht sind, da mir dies ungewöhnlich erschien. Im Gespräch mit meiner Mentorin habe ich herausgefunden, dass die Ordnung einen besonderen Aufforderungscharakter für die Kinder bewirkt. Die Materialien sollen so präsentiert werden, dass die Kinder keine Erklärung brauchen, um sie zu benutzen, und dass sie von alleine Lust haben, sich damit auseinanderzusetzen. Auch habe ich Bilder von der Dokumentationsarbeit der Erzieherinnen gemacht und mich mit ihnen darüber ausgetauscht, was ich im Nachhinein stichpunktartig für mich festgehalten habe. So kann ich immer wieder bildlich und schriftlich die Arbeitsweisen nachvollziehen und davon umsetzen, was mir logisch und passend erscheint.

Meine Eigenverantwortung habe ich gestärkt, indem ich trotz meiner Angst vor der Sprachbarriere zum Ende des Praktikums hin sogar kleine Projekte mit den Kindern durchgeführt habe, zum Beispiel das Basteln von Halloween-Dekoration. Auch habe ich recht schnell die alltäglichen Aufgaben in der Gruppe eigenverantwortlich allein übernommen. Die Persönlichkeitsentwicklung lässt sich schwer an einer konkreten Situation festmachen, sie erstreckt sich eher über das gesamte Praktikum hinweg. Erkennen lässt sich, dass ich meine Persönlichkeit weiterentwickelt habe, jedenfalls daran, dass ich mich problemloser als bisher in den neuen Kita-Alltag eingefunden und deutlich schneller als bisher Kontakt zu Kindern und KollegInnen aufgebaut habe.

Wie oben bereits beschrieben, habe ich mich viel mit den Erzieherinnen ausgetauscht, größtenteils über Pädagogik, aber auch über den Beruf an sich, zum Beispiel das Ansehen in der Gesellschaft, aber auch über gesellschaftliche und politische Themen sowie das alltägliche Leben. So habe ich über drei Wochen hinweg auf ganz verschiedene Bereiche bezogen neue Impulse, Ideen und Erfahrungen gesammelt, die mir einen neuen Blickwinkel auf den Beruf ErzieherIn und viele alltägliche Dinge erlauben. So konnte ich, gemeinsam mit meiner jeweiligen Gesprächspartnerin, meine Erzählungen noch einmal durchdenken, da ich durch Nachfragen und Kommentieren auf Unterschiede und Ungewöhnlichkeiten aufmerksam geworden bin. Die ausführlichen Gespräche nicht nur mit KollegInnen, sondern auch mit Reisenden, Touristen und dauerhaft im Hostel wohnenden Asylsuchenden haben einen Perspektivwechsel möglich gemacht und viel Platz zur Reflexion gewohnter Verhaltensweisen und Strukturen gegeben.

Persönliche Eindrücke, Erlebnisse,…

Ich persönlich fand es beeindruckend, in einer Gruppe mit zehn bis 15 Kindern und zwei bis drei Erzieherinnen, einem großen Gruppenraum und einem großen Außengelände zu arbeiten. Das hat mir vor Augen geführt, wie laut und chaotisch die Einrichtungen sind, die ich in Deutschland bisher kennengelernt habe, und wie anders die Arbeit sein kann, wenn man sich besser auf einzelne Kinder konzentrieren kann. Auch die Arbeitsmaterialien haben mich fasziniert, dass die Kinder beispielsweise mit Fliesen, alten Dielen oder Rohrteilen spielen, und ohne Aufsicht Messer benutzen dürfen. Der Medieneinsatz war ebenfalls neu für mich; jede Gruppe hat ein iPad, das die Kinder auch für eine gewisse Zeit nutzen dürfen, sowie einen Beamer, über den lehrreiche oder lustige Filme geschaut werden. Von der Reggio-Pädagogik habe ich sehr viel mitgenommen, vor allem dass die Kinder als so selbstständig und selbstwirksam wahrgenommen und auch so gefördert und gefordert werden.
Am meisten gelernt habe ich aber über mich selbst. Als sehr verbaler Mensch in einem Arbeitsumfeld zurechtzukommen, in dem ich die Hauptsprache nicht kann, war eine große Herausforderung. Insgesamt hat diese Erfahrung und die anderen Erlebnisse auf diesem Austausch mir nun beinah vollkommen die Angst vor neuen Arbeitsstellen hier in Deutschland genommen. Wenn ich es schaffe, mich innerhalb von drei Wochen in einem Land, dessen Sprache ich nicht beherrsche, in den Arbeitsalltag einzufinden und guten Kontakt zu Kindern und Kolleginnen zu knüpfen, dann wird mir das in Deutschland, wo ich die Sprache kann und die Arbeitsweisen kenne, bestimmt gelingen.

Luca Leuner, FS 65