SIMMERATH/STOLBERG Den ganzen Tag über basteln, spielen und Kaffee trinken? Etliche Erzieher kennen Vorurteile wie diese wahrscheinlich nur zu gut. Die Realität sieht allerdings anders aus. Das Stichwort mit dem sich – laut einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) – rund 90 Prozent aller Kitas herumschlagen müssen, lautet Personalmangel. Dem will man am Berufskolleg Stolberg/Simmerath nun entgegenwirken – mit einem Studium, das vor allem Aspekte der Betriebswirtschaftslehre beinhaltet.

 

Betriebswirtschaftliche Kenntnis

 Was eine Kita mit einem Wirtschaftsunternehmen gemeinsam hat? Mehr, als man vielleicht auf den ersten Blick denkt. Betrachtet man Größe und Personalstärke der Einrichtungen genauer, wird eins schnell deutlich: Wer eine Kita leiten möchte, brauche oft betriebswirtschaftliche Kompetenzen, und auch das Thema Personalführung spiele eine wichtige Rolle, führt Markus Terodde, Dezernent für Bildung, Jugend und Strukturentwicklung bei der Städteregion an. Die Städteregion ist nicht nur Träger der Berufskollegs, sondern auch von insgesamt 35 Kitas. Beispielsweise in Konzen und Baesweiler, wo sieben- und achtgruppige Einrichtungen mit bis zu 30-köpfigen Teams gebaut wurden. Mit der Größe der Einrichtung würden auch die Anforderungen an die Mitarbeiter wachsen, meint Terodde.

Ein Blick auf Stolberg zeigt, dass Kitas dieser Ausmaße längst das Stadtbild prägen. Ein Beispiel: Die Einrichtung in der Franziskusstraße. Sie ist die größte ihrer Art in Stolberg und hat insgesamt 120 Betreuungsplätze. Bis zu 28 Mitarbeiter kümmern sich dort um den Nachwuchs. „Das ist wie ein kleineres mittelständisches Unternehmen“, sagt Josef Offergeld, stellvertretender Leiter des Stolberger Jugendamtes, und fügt hinzu: „Gutes Leitungspersonal brauchen wir auch in Stolberg. Der Bedarf ist nachhaltig vorhanden.“ Das zeige auch ein Blick auf den Stellenplan. Neue Einrichtungen – wie die Kita in der Spinnereistraße, in der bis zu 14 Mitarbeiter tätig werden sollen – brauchen auch Personal. Aber nicht nur das. Alleine im nächsten Kita-Jahr müssen in Stolberg drei Leitungsstellen neu besetzt werden. Bis zu vier weitere Stellen, die beispielsweise durch Krankheit oder Schwangerschaft unbesetzt seien, gelte es ebenfalls zu besetzen. Für kurzfristige Ausfälle habe sich der Vertretungspool der Stadt, der derzeit insgesamt neun Mitarbeiter beinhaltet, bewährt. Doch zurück zum Berufskolleg.

Nicht jeder, der mit einer Ausbildung zum Erzieher starte, wolle auch bis zur Rente in dieser Position tätig sein. Wer beispielsweise einen Job als Einrichtungsleitung oder auch in einer Verwaltung anstrebe, für den sei der Bachelor-Studiengang „Sozialpädagogik und Management“ das Richtige, sind sich die Verantwortlichen des Berufskollegs, der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Bielefeld sowie der Bezirksregierung und der Städteregion sicher.

 

Vertrag unterzeichnet

 Der Kooperationsvertrag wurde Anfang dieser Woche von der FHM und dem Förderverein des Berufskollegs unterzeichnet. „Wir freuen uns sehr, dass es losgehen kann. Gerade das Thema Erzieher ist sehr brisant, und der Bedarf muss mit allen Mitteln gedeckt werden“, meinte Schulleiterin Ingrid Wagner.

Das neu angebotene Studium sei eine „tolle Sache“. Man gehe davon aus, dass es etliche Interessenten geben werde. „Da ist die Erfolgsgeschichte vorprogrammiert“, zeigte sich Wagner optimistisch und Professor Christian von der Heyden, Leiter des Instituts für Fernstudium der FHM, hatte die entsprechenden Zahlen im Gepäck, die Wagners These stützen sollten.Die Nachfrage – gerade in diesem Bereich – sei enorm. Von den insgesamt 5000 Studenten, die sich auf 35 Studiengänge verteilen, sei dieser mit über 1000 Studenten der am häufigsten nachgefragte Bereich.

Und wie ist das Studium aufgebaut? Wer eine Ausbildung zum Erzieher absolviert, der beschäftigt sich in den ersten beiden Jahren mit der Theorie. Diese Zeit kann auf das Studium angerechnet werden. Dieses setzt dann während des dritten Ausbildungsjahres ein – also während des praktischen Teils der Ausbildung. Wer das Studium absolviert, muss ein weiteres Jahr anhängen, dann wird begleitend zum Berufsalltag studiert. In der ersten Hälfte des vierten Jahres dient das Berufskolleg immer wieder als Anlaufstelle für die Studenten, in der zweiten Hälfte steht dann die Bachelor-Arbeit im Fokus. Alles, was zum Studium erforderlich sei, geschehe vor Ort, sagt von der Heyden. Seiner Meinung nach ein Vorteil. Schließlich könne man auf diese Weise junge Menschen vor Ort halten, die sonst für ein Studium in eine andere Stadt gezogen wären.

Allerdings ist das Studium nicht kostenlos. Monatliche Gebühren in Höhe von rund 285 Euro fallen für die Studenten an. Hinzu kommen eine einmalige Aufnahmegebühr von 150 Euro und eine Prüfungsgebühr am Abschluss des Studiums von 500 Euro. Insgesamt fallen für die beiden Jahren Kosten in Höhe von 7500 Euro an. Der Startschuss soll zum Oktober 2020 fallen. Wer in diesem Jahr mit der Ausbildung startet oder bereits im ersten Ausbildungsjahr ist, hat ebenfalls die Möglichkeit zu studieren. Angeboten wird dieses dann an beiden Standorten – in Stolberg und Simmerath.

Unterstützt wird die Kooperation nicht nur von Bezirksregierung und Städteregion. Auch bei der Stadt Stolberg ist man von der neuen Möglichkeit angetan. Bislang hatte man Erzieher, die an der Leitung einer Kita interessiert waren, gemeinsam mit der Stadt Eschweiler entsprechend fortgebildet. Durch das Angebot des Berufskollegs würden sich neue Möglichkeiten auftun. „Das ist auch für uns ideal“, sagt Josef Offergeld.

 

Ausbildung von Kaufleuten

Die FHM ist in der Region übrigens nicht unbekannt. Eine Kooperation mit dem Aachener Berufskolleg an der Lothringerstraße bestehe bereits seit einigen Jahren. Bei diesem Projekt geht es allerdings um die weitere Ausbildung von Kaufleuten. Im Bereich Sozialpädagogik soll das Berufskolleg Stolberg/Simmerath der einzige Standort in der gesamten Region sein, der das Fernstudium anbieten wird.

STOLBERG/SIMMERATH Dem Personalmangel in den Kindertageseinrichtungen der Region will das städteregionale Berufskolleg Simmerath/Stolberg nun entgegenwirken. Im Oktober 2020 soll ein zweijähriges berufsbegleitendes Fernstudium an den Start gehen, das die Themen Sozialpädagogik und Management in den Fokus rückt. Das Bachelor-Studium soll sich vor allem an angehende Erzieherinnen richten, die einen Job in der Einrichtungsleitung oder in einer Verwaltung anstreben. Einen entsprechenden Kooperationsvertrag hat das Berufskolleg jetzt mit der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) Bielefeld geschlossen. Angeboten wird das Fernstudium an beiden Standorten. (se)